1965 – 2025 – 2035: 60 Jahre für Bildung, Forschung und Innovation
Seit 60 Jahren berät der Schweizerische Wissenschaftsrat den Bundesrat mit unabhängiger, wissenschaftsbasierter Expertise zu aktuellen Themen. Anlässlich dieses Jubiläums empfing der Wissenschaftsrat am Montagabend 22. September 2025 im Bernerhof Gäste aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, um den Dialog weiter zu pflegen und zu vertiefen – mit dem Ziel, gemeinsam fundierte, vorausschauende und verantwortungsvolle Entscheidungen für die Zukunft der Schweiz zu gestalten.
In ihrer Eröffnungsrede verglich die Präsidentin des Wissenschaftsrates, Sabine Süsstrunk, die Wissenschaft mit einem Diamanten: Facettenreich, transparent und beständig bietet die Wissenschaft eine verlässliche und vertrauenswürdige Grundlage für Überlegungen und Entscheidungen, gerade in unserer heutigen, von Unsicherheit und Vertrauensverlust geprägten Zeit. Der Wissenschaftsrat übernimmt gewissermassen eine Kompass-Funktion: Er setzt sich dafür ein, dieses Vertrauen aufrechtzuerhalten und zu stärken, indem er – meist bereits im Stadium des Rohdiamanten – Wege untersucht, in die sich bestimmte, gesellschaftlich relevante Themen entwickeln können und sollten und entsprechende Empfehlungen an den Bundesrat richtet.
In der anschliessenden Podiumsdiskussion, moderiert vom SRF-Wissenschaftsjournalisten Christian von Burg, beleuchteten Martin Ackermann, Biologe und Direktor der Eawag, Astrid Epiney, Professorin für Völkerrecht, Europarecht und öffentliches Recht, ehemalige Rektorin der Universität Freiburg, Vize-Präsidentin des SNF-Stiftungsrats, Präsidentin des Stiftungsrats der Schweizerischen Studienstiftung und ehemalige Präsidentin des Schweizerischen Wissenschaftsrates, Jean-Marc Piveteau, Mathematiker, Präsident der SCNAT und ehemaliger Rektor der ZHAW sowie Valentine Python, Klimatologin und ehemalige Nationalrätin, die aktuellen Herausforderungen, vor denen die Schweiz in den Bereichen der Bildung, der Forschung und der Innovation steht.
Besonders lebendig wurde die Debatte zum Thema der Finanzierung von Wissenschaft und Forschung geführt. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die Grundfinanzierung von öffentlicher Seite gesichert bleiben muss. Astrid Epiney führte die Top-Rankings der Schweizer Hochschulen direkt auf die bislang gesicherte gute Grundausstattung zurück: die ziehe Talente an und führe zu hoher Qualität. Gleichzeitig strich sie die Gefahr hervor, dass Einsparungen hier nicht sofort spürbar sind, sondern erst mittel- und vor allem langfristig – und dann sei es kaum mehr möglich, geegnzusteuern. Private Forschungsförderung könne kein Ersatz sein für Finanzierungswege über SNF, Kantone und den Bund.
« Man muss sich dessen bewusst sein, dass die private Forschungsförderung in keiner Weise, aber wirklich in keiner Weise irgendwie ein Ersatz sein kann für die Grundausstattung und die Grundfinanzierung, die der Nationalfonds, die die Kantone, die der Bund für die Hochschulen hier gibt. […] Es ist letztlich eine Investition in die Zukunft dieses Landes, nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die gesamte Wirtschaft und die Innovation. »

Auch Valentine Python sprach sich ausdrücklich für die fundamentale Notwendigkeit aus, Forschungsfinanzierung aus öffentlicher Hand und damit die Unabhängigkeit der Forschung zu garantieren. Sie griff die von Sabine Süsstrunk im Eröffnungsdiskurs erwähnte Rolle der Wissenschaft als Kompass auf und begründete diese Rolle damit, dass die Wissenschaft es uns erlaube, uns mit objektiv erhobenen Daten bestmöglich der Realität anzunähern. Diese Rolle, so Python weiter, muss unbedingt unabhängig bleiben, denn unabhängige Wissenschaft ist ein Pfeiler der Demokratie.
« Ce point-là est fondamental : pourquoi doit-on absolument garantir le financement public de la recherche fondamentale ? Parce que la science indépendante est quand même un des piliers de la démocratie. Elle est un contre-pouvoir. [...] Parce que la science sert à cela : elle est une boussole, elle nous dit quelle est la réalité objective, indépendamment de ma représentation en tant qu’être humain, indépendamment de mon système de valeurs – indépendamment de tout cela, il y a une réalité objective. La science est ce qui nous permet de nous rapprocher le plus possible d’une description de cette réalité. »

Martin Ackermann teilte die Perspektive seiner Kolleginnen vollständig und ergänzte sie um den Aspekt der gemeinsamen Verantwortung: Es herrsche durchaus Konsens in der Schweiz, dass die Ausgaben reduziert werden müssen und dass die Verantwortung dafür bei allen liegt, so auch im BFI-Bereich. Dabei sei es aber vorrangig, nicht pauschal zu kürzen, sondern strategische Überlegungen anzustellen, in welche Bereiche weiter investiert werden sollte und welche Ausgaben eventuell reduziert werden können.
« In der Schweiz gibt es weitgehend einen Konsens, dass wir die Ausgaben reduzieren müssen jetzt im Moment, und da sehe ich es ganz klar, dass wir da mitmachen. Und ich sehe als Leiter einer Forschungsinstitution mich auch in der Verantwortung, um zu überlegen, wie wir in diesem Effort uns beteiligen können. […] Und das ist auch eine Krise, die man, die wir nutzen sollen. Ich sehe da, solange es moderat ist, eine Chance. Was ich ganz wichtig finde, ist, dass wir auch strategisch sind in dieser Situation und nicht einfach alles ein bisschen zurückstufen, sondern überlegen, wo wir mehr investieren wollen und auf was wir verzichten. »

Jean-Marc Piveteau betonte ebenfalls die unumgängliche Notwendigkeit, dass eine finanzielle Grundausstattung der Hochschulen gesichert sein muss. Als ehemaliger Rektor der ZHAW ergänzte er den Blickwinkel der angewandten Forschung, in der ein Teil des Budgets immer als Drittmittel eingeworben werden muss – und damit stehe die Unabhängigkeit der Forschung auf dem Spiel. Daher brauche es auch in der angewandten Forschung Stabilität und Verlässlichkeit. Das Problem dabei sei auch hier die Langfristigkeit: Er pflichtet Astrid Epinay bei, dass die Auswirkungen von budgetären Kürzungen erst mittel- und langfristig als irreversibel spürbar würden.
« Dans la recherche appliquée, une partie du budget doit être acquise. Qu’est-ce que cela signifie pour l’indépendance de la recherche, la liberté de la recherche, quand cela s’applique ? Ce n’est pas une question triviale. [...] Ce qui m’inquiète, c’est qu’en relation à tout ce qui nous concerne, au soutien aux différents défis que nous avons là, l’action publique se comprend dans un temps long. On a donc besoin de stabilité, de fiabilité. Et ce que l’on observe actuellement, ce sont des coupes financières. Oui, on ne remarquera probablement rien immédiatement, c’est probablement ce qui va se passer, mais une érosion va avoir lieu. Et le jour où l’on remarquera les conséquences, il sera trop tard. Pour corriger cela, il faudra beaucoup de temps. »

Die Perspektive der Politik vertrat Rémy Hübschi, stv. Direktor des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Er unterstrich die Bedeutung einer neutralen und unbeeinflussbaren Instanz, die evidenzbasierte, wissenschaftliche Grundlagen und wichtige Empfehlungen für den Bundesrat und auch für das SBFI liefert, die essenziell sind für die Politikberatung, die das SBFI zuhanden des Bundesrates leistet.

Auch das Publikum nutzte die Gelegenheit, Fragen zu stellen.
Beim anschliessenden Apéro riche konnten die angeregten Gespräche in entspannter Atmosphäre weitergeführt werden.
